Kennst du das Gefühl, als würdest du nicht so ganz auf diese Welt passen? Als würdest du aus einer anderen Realität stammen, weil dein Weg und deine Interessen so grundlegend von denen der Menschen um dich herum abweichen?
Alle scheinen ihren Platz gefunden zu haben, während du das Gefühl hast, irgendwo zwischen den Welten zu schweben. Sie haben studiert, früh Karriere gemacht, ein Haus oder Auto gekauft – und du kommst gerade erst mit zwei Koffern aus dem Ausland zurück und ziehst kurzzeitig wieder ins alte Kinderzimmer ein.
Vielleicht hast du oft das Gefühl, dass du „falsch“ bist – dass du irgendwie anders tickst und dadurch nicht ganz dazugehörst.
Sensitive people have the ability to transform this world, which has become insensitive to what is meaningful, true, and real. - Asia Suler
In solchen Momenten können zwei Reaktionen entstehen:
1. „Seht ihr? Ich bin eben anders.“
Manchmal ertappt man sich dabei, Situationen zu erschaffen, in denen man sich absichtlich seltsam oder fehl am Platz fühlt. Unterbewusst sucht man vielleicht Bestätigung für das eigene Gefühl, nicht dazuzugehören – als würde man sich sagen: „Hab ich doch gewusst, dass ich hier nicht reinpasse.“
2. „Warum bin ich nicht wie die anderen?“
Es gibt auch die andere Seite: den Wunsch, einfach mal so zu sein wie alle anderen. Man fühlt sich vielleicht weniger wert, weil man nicht dieselben Interessen oder Ziele teilt und gerne Teil der großen Mehrheit wäre. Manchmal entsteht der Gedanke: „Wäre es nicht leichter, einfach so zu sein wie alle anderen?“
Warum dieses Gefühl ein versteckter Segen ist
Auch wenn es oft einsam erscheint, anders zu sein, birgt dieses Gefühl besondere Chancen:
• Tiefe Selbstkenntnis und Reflexion: Menschen, die sich „anders“ fühlen, beschäftigen sich oft intensiv mit sich selbst und ihren Werten. Dadurch entwickeln sie ein tiefes Verständnis für ihre Bedürfnisse und Wünsche.
• Authentizität und Kreativität: Wer sich außerhalb der Norm bewegt, entdeckt häufig ungewohnte Perspektiven und kreative Wege. Du gestaltest dein Leben bewusst und lässt dich nicht von gesellschaftlichen Erwartungen leiten.
• Verbindung mit dem Wesentlichen: Deine Sehnsucht nach Schönheit und Romantik zeigt, dass du einen Sinn jenseits des Alltags suchst. Du entdeckst das Besondere im Kleinen und schaffst dir so Momente der Erfüllung.
Mögliche Ursachen für dieses Gefühl der Andersartigkeit
• Hochsensibilität: Menschen mit hoher Sensibilität nehmen die Welt intensiver wahr, was sie empfänglicher für feine Nuancen und emotionale Reize macht – aber auch schneller erschöpfen kann.
• Individuelle Lebenswege: Wenn dein Lebenslauf nicht dem „klassischen“ Muster folgt, kann das Gefühl entstehen, aus der Reihe zu tanzen. Erfahrungen wie Auslandsaufenthalte oder alternative Lebensweisen prägen dich anders als eine geradlinige Karriere.
• Gesellschaftliche Erwartungen: Viele von uns spüren den Druck, den „üblichen“ Lebenszielen zu entsprechen. Wer davon abweicht, erlebt oft das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Was du tun kannst, um damit umzugehen
1. Akzeptiere deine Andersartigkeit
Das ist leichter gesagt als getan. Erkenne an, dass du nicht „falsch“ bist, nur weil du anders bist. Dein Weg ist einzigartig, und darin liegt große Stärke. Erinnere dich daran, dass gerade das, was dich aus der Masse heraushebt, wertvoll ist.
2. Finde Gleichgesinnte
Suche nach Menschen, die ähnliche Interessen oder Werte teilen. Es gibt Gemeinschaften und Kreise, in denen Andersartigkeit nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert wird.
3. Schaffe dir bewusste Rückzugsräume
Gerade wenn du hochsensibel bist, ist es wichtig, dir Momente der Ruhe und Selbstfürsorge zu gönnen. Diese Pausen helfen dir, dich mit dir selbst zu verbinden und neue Kraft zu schöpfen.
4. Lass die Vergleiche los
Auch leichter gesagt als getan. Erinnere dich daran, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg geht. Es ist in Ordnung, wenn dein Leben anders aussieht als das der anderen. Glück ist nicht nur an bestimmte äußere Erfolge gebunden – es liegt in den Momenten, die dich wirklich erfüllen.
Stressmanagement für das Gefühl des Andersseins
Das Gefühl, anders zu sein, kann oft zu Stress und innerer Unruhe führen. Wenn du dich von den Menschen um dich herum isoliert fühlst, kann das emotionale Druck erzeugen.
Anderssein war einst lebensgefährlich, als unsere Vorfahren in Sippen lebten und auf Gemeinschaft angewiesen waren. Die Angst vor Ausgrenzung ist tief in uns verankert – alte Hirnstrukturen wie das limbische System und die Amygdala reagieren noch immer stark auf soziale Bedrohungen.
Obwohl es heute keine direkten Überlebensbedrohungen wie Raubtiere mehr gibt, reagiert unser Gehirn noch immer auf soziale Ablehnung mit starken Stressreaktionen – weil diese Mechanismen in einer Umgebung entstanden, in der soziale Zugehörigkeit überlebenswichtig war.
Umso wichtiger ist es, Strategien zu entwickeln, die dir helfen, mit diesem Stress umzugehen und deine innere Balance wiederzufinden.
Hier sind einige Ansätze, die dir helfen können:
1. Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeit kann dir helfen, im Moment zu bleiben und dich von belastenden Gedanken zu distanzieren. Praktiken wie Meditation, Atemübungen oder einfaches Beobachten deiner Umgebung können dir helfen, deine innere Ruhe wiederzufinden. Nimm dir täglich ein paar Minuten, um innezuhalten und deine Gedanken und Gefühle zu beobachten, ohne sie zu bewerten. In meiner Arbeit als Ergotherapeutin und in meinen präventiven Angeboten kannst du Techniken kennenlernen, die dich im Alltag unterstützen – durch körperorientierte Entspannungsmethoden oder achtsame Bewegungsübungen.
2. Kreativer Ausdruck: Kunst, Schreiben oder Musik können wunderbare Ventile sein, um deine Gefühle auszudrücken. Kreativität ermöglicht es dir, dich selbst zu reflektieren und zu verarbeiten, was du erlebst. Durch das Schaffen von etwas Eigenem kannst du das Gefühl der Andersartigkeit in eine Stärke verwandeln.
3. Naturverbundenheit: Verbringe Zeit in der Natur, um dich zu erden. Die Natur hat eine beruhigende Wirkung und hilft, den Geist zu klären. Egal ob beim Wandern, Spazierengehen oder einfach beim Sitzen in einem Park – die Verbundenheit mit der Natur kann dir helfen, Stress abzubauen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu dir selbst zu stärken.
4. Gespräche mit Vertrauenspersonen: Sprich mit Freunden oder Familienmitgliedern über deine Erfahrungen. Oft hilft es, Gedanken und Gefühle zu teilen, um eine neue Perspektive zu gewinnen. Manchmal sind es gerade die Menschen, die du nicht erwartest, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und wertvolle Einblicke geben können.
5. Selbstfürsorge: Investiere Zeit in Aktivitäten, die dir Freude bereiten und dich entspannen. Ob das ein gutes Buch, ein entspannendes Bad oder das Ausprobieren neuer Rezepte ist – sorge dafür, dass du dir regelmäßig Zeit für dich selbst nimmst. Achte darauf, dass du nicht nur funktionierst, sondern auch das Leben genießt.
Diese Ansätze können dir helfen, besser mit dem Stress umzugehen, der aus dem Gefühl der Andersartigkeit resultiert. Denke daran, dass es in Ordnung ist, anders zu sein, und dass du durch Selbstfürsorge und Achtsamkeit dein inneres Gleichgewicht finden kannst. Stressmanagement ist ein individueller Prozess, der dir helfen kann, dein authentisches Selbst zu umarmen und Frieden mit deiner Einzigartigkeit zu schließen.
Deinen eigenen Weg finden und annehmen
Das Gefühl, anders zu sein, kann eine Herausforderung sein – aber es ist auch eine Einladung, deinen eigenen Platz in der Welt zu finden. Es erfordert Mut, nicht den einfachen Weg der Anpassung zu wählen, sondern deinem inneren Kompass zu folgen. Doch dieser Mut wird belohnt: mit einem authentischen Leben, das zu dir passt.
Du musst nicht „normal“ sein, um wertvoll zu sein. Vielleicht liegt deine größte Stärke genau darin, anders zu sein – und dadurch Dinge zu sehen, zu fühlen und zu erschaffen, die anderen verborgen bleiben.
Es ist in Ordnung, ein Alien zu sein. Vielleicht bist du genau deswegen auf dieser Welt – um zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt.
Weitere Ressourcen:
In diesem Video erzählt Asia (auf englisch) ihre interessante Perspektive aufs alliensein und sich sensibel fühlen.